Wenn die Psyche junger Menschen leidet: Was Unternehmen jetzt tun müssen
Eine Generation unter Druck
Fast jede vierte Person in der Schweiz kämpft mittlerweile mit psychischen Problemen. Doch wer glaubt, dies sei gleichmässig über alle Altersgruppen verteilt, täuscht sich. Der AXA Mind Health Report 2026, basierend auf einer Umfrage mit über 19'000 Teilnehmenden aus 18 Ländern, zeichnet ein deutliches Bild: Die am stärksten betroffene Gruppe sind junge Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren – 39 Prozent von ihnen gelten als psychisch belastet.
Weltweit sind 59 % der 18- bis 24-Jährigen psychisch erschöpft oder ernsthaft belastet – das sind 13 Prozentpunkte mehr als der globale Bevölkerungsdurchschnitt. Junge Erwachsene unter 35 Jahren erhalten zudem mit 2,3-facher Wahrscheinlichkeit eine Schwerstdiagnose bei Depression, Angst oder Stress.
Diese Zahlen sollten uns als Gesellschaft – und insbesondere als Arbeitgebende – alarmieren.
Was steckt hinter der Krise?
Die Ursachen sind vielschichtig. Laut dem Report treffen bei jungen Menschen nahezu alle bekannten Risikofaktoren gleichzeitig und mit besonderer Wucht auf:
- Digitale Überflutung: Junge Menschen unter 34 Jahren verbringen durchschnittlich 6 Stunden täglich vor dem Bildschirm – 16 Prozentpunkte über dem Bevölkerungsdurchschnitt. 75 % berichten, dass ihr Bildschirmkonsum ihr tägliches Leben negativ beeinflusst.
- Einsamkeit und soziale Isolation: 40 % fühlen sich regelmässig einsam. Junge Menschen sind doppelt so häufig von Einsamkeit betroffen wie Personen über 55 Jahren.
- Fear of Missing Out: Soziale Vergleiche auf Plattformen wie Instagram oder TikTok verstärken das Gefühl des Zurückbleibens – FOMO liegt bei Jungen 17 Punkte über dem Durchschnitt.
- Weltinstabilität und Klimaangst: Unsicherheit über Zukunft, Beruf und Gesellschaft trifft 18- bis 34-Jährige besonders hart.
Gleichzeitig suchen 60 % der Betroffenen weltweit trotz Belastung keine professionelle Hilfe – weil sie ihre Situation nicht als «ernst genug» einschätzen oder Stigmatisierung befürchten.
Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: Ein strukturelles Problem
Was bedeutet das für Unternehmen? Die Zahlen sind klar:
- 38 % der 18- bis 24-Jährigen waren wegen psychischer Probleme bereits auf Krankenschein.
- 56 % der Erwerbstätigen berichten von moderatem bis starkem Arbeitsstress.
- 72 % erleiden mindestens eine stressbedingte Auswirkung auf ihre Arbeitsleistung.
- Die globalen Produktivitätsverluste durch psychische Erkrankungen belaufen sich auf rund 1 Billion US-Dollar jährlich (WHO, 2024).
Gleichzeitig besteht ein paradoxes Bild: 84 % der Mitarbeitenden würden bei psychischen Gesundheitsprogrammen am Arbeitsplatz mitmachen – doch 48 % würden psychische Probleme im beruflichen Umfeld nicht ansprechen. Und 43 % sagen, ihr Unternehmen habe gar keine dedizierte Strategie zu psychischer Gesundheit.
Hier klafft eine grosse Lücke – und hier liegt die Chance für verantwortungsvolle Arbeitgebende.
Was Unternehmen jetzt tun können
Ein «Tag der offenen Tür» oder ein einzelnes Awareness-Poster reicht nicht. Wirksame Massnahmen greifen auf drei Ebenen:
1. Kultur schaffen, die Offenheit ermöglicht
Führungspersonen spielen eine Schlüsselrolle. Wenn Vorgesetzte offen über Belastungen sprechen, sinkt die Hemmschwelle bei Mitarbeitenden erheblich. Eine Podiumsdiskussion, wie sie am diesjährigen Tag der Versicherer des Schweizerischen Versicherungsverbandes (SVV) unter dem Titel «Wenn die Psyche leidet – zwischen Eigenverantwortung und kollektiver Absicherung» stattfand, zeigt: Das Gespräch ist möglich – und notwendig.
2. Strukturen und Angebote aufbauen
Konkrete Massnahmen, die wirken:
- Employee Assistance Programs (EAP): Vertrauliche Beratungsangebote, die von 64 % der Mitarbeitenden explizit gewünscht werden.
- Mental Health Webinare und Schulungen: 59 % der Befragten zeigen Interesse an Awareness-Sessions.
- Betriebliche Gesundheitsförderung: Von Bewegungsangeboten bis hin zu flexiblen Arbeitsmodellen.
- Digitale Tools: Tools wie der «Mind Health Self Check» von AXA helfen Mitarbeitenden, ihre Situation einzuordnen und geeignete Unterstützung zu finden.
3. Früherkennung ernst nehmen
Gerade bei jungen Berufseinsteigenden gilt: Je früher Belastungen erkannt werden, desto grösser die Chancen auf nachhaltige Stabilisierung. Case Management – insbesondere der Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene – ist hier ein entscheidender Hebel. Betriebliches Case Management (CM) begleitet betroffene Mitarbeitende frühzeitig, koordiniert interne und externe Unterstützungsangebote und verhindert, dass kurzzeitige Krisen zu langen Absenzen werden.
KI: Chance und Risiko zugleich
Ein neues Thema beschäftigt den diesjährigen Report: Künstliche Intelligenz als Anlaufstelle für psychische Gesundheitsfragen. 63 % der Befragten haben KI bereits für Mental-Health-Themen genutzt – 21 % davon regelmässig. KI senkt Zugangshürden: Sie ist kostenlos, anonym, jederzeit verfügbar. Doch 28 % geben an, dass sie durch KI-Ratschläge zu schädlichem Verhalten verleitet wurden. 1 von 3 Personen vertraut KI-Plattformen mehr als Fachleuten.
Die Schlussfolgerung: KI kann ein Türöffner sein – aber kein Ersatz für menschliche Fürsorge und professionelle Begleitung. Unternehmen sollten KI-Tools im Bereich Mental Health kritisch begleiten und auf klinisch validierte Lösungen setzen.
Fazit: Gemeinsame Verantwortung – gemeinsames Handeln
Jede vierte Person in der Schweiz kämpft mit ihrer psychischen Gesundheit. Bei den 18- bis 24-Jährigen ist es fast jede zweite. Diese Entwicklung betrifft uns alle – als Gesellschaft, als Arbeitgebende, als Führungspersonen.
Die gute Nachricht: Engagement wirkt. Unternehmen, die in Prävention, Früherkennung und Begleitung investieren, profitieren von weniger Absenzen, höherer Loyalität und produktiveren Teams. Und sie tun das Richtige – für die Menschen, die täglich für sie im Einsatz sind.
Ihre Ansprechpersonen:
Petra Grazioli-Schläpfer
Case Managerin
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